Was wäre, wenn Produkte ihre Materialien nur ausleihen?

Was wäre, wenn Materialien nicht verbraucht, sondern nur vorübergehend genutzt werden?

Diese Frage beschäftigt mich gerade besonders, weil sie Industrial Design nicht vom Produkt her denkt, sondern vom Wert der Materialien, die ein Produkt nur zeitweise zusammenhält.

Aus solchen Fragen entstehen meine Design Vision Studies: keine Produktankündigungen, keine Prognosen darüber, wie die Welt 2040 aussehen wird, sondern Gedankenexperimente darüber, welche Annahmen wir im Design neu verhandeln könnten.

BORROWED MATTER ist eines davon.


Wem gehört eigentlich das Material einer Maschine?

Ein Unternehmen kauft Stahl, Aluminium, Kupfer oder Kunststoff. Daraus entsteht ein Produkt. Dieses wird verkauft, genutzt und irgendwann entsorgt, demontiert oder recycelt.

So funktioniert industrielle Produktion seit sehr langer Zeit.

Aber was wäre, wenn wir an einer grundlegenden Annahme etwas verändern?

Was wäre, wenn Material nicht einfach dauerhaft in einem Produkt gebunden wird, sondern nur für eine bestimmte Zeit eine Aufgabe übernimmt?

Eine Maschine hätte dann beispielsweise nicht 800 Kilogramm Edelstahl verbaut.

Sie hätte 800 Kilogramm Edelstahl ausgeliehen.

Nach 20 Jahren endet vielleicht das Leben der Maschine.

Aber nicht das des Stahls.


Vom Restwert zum Materialvermögen

Heute sprechen wir am Ende eines Produktlebens häufig von Restwert oder Schrottwert.

Allein diese Begriffe zeigen, wie sehr wir Material aus Sicht des Produkts betrachten.

Solange der Werkstoff Teil der Maschine ist, besitzt er eine Funktion und einen Wert.

Sobald die Maschine nicht mehr gebraucht wird, wird aus demselben hochwertigen Material plötzlich „Schrott“.

Man könnte es aber auch anders betrachten:

als Materialvermögen.

Eine Maschine hätte dann neben ihrem technischen und wirtschaftlichen Wert ein eigenes Materialkonto.

Zum Beispiel:

2.840 kg Stahl
412 kg Aluminium
86 kg Kupfer

Dazu kämen Informationen über:

  • Herkunft
  • Werkstoffqualität
  • Legierung
  • Verarbeitungszustand
  • Alter
  • Nutzungshistorie
  • Belastung
  • Demontierbarkeit
  • mögliche nächste Verwendung

Die entscheidende Frage würde sich verändern.

Nicht mehr nur:

Was ist die alte Maschine noch wert?

Sondern:

Welchen Wert haben die Materialien, die momentan diese Maschine bilden?


Design for Residual Value

Für Industrial Design wird der Gedanke an dieser Stelle interessant.

Denn wenn Material einen eigenständigen zukünftigen Wert besitzt, verändert das die Art, wie wir Produkte gestalten.

Eine Verbindung zweier hochwertiger Materialien, die nach 20 Jahren kaum noch voneinander getrennt werden können, wäre dann nicht nur ökologisch problematisch.

Sie würde ganz konkret Vermögen vernichten.

Eine lösbare Verbindung erhält dagegen Wert.

Eine geklebte Materialkombination könnte für den ersten Lebenszyklus wirtschaftlich sein, den zukünftigen Materialwert aber deutlich reduzieren.

Ein geschraubtes oder reversibel gefügtes Bauteil kann aufwendiger wirken, erhält dafür aber die Qualität der Werkstoffe.

Damit würde ein bekannter Gedanke aus dem Circular Design erweitert.

Nicht nur:

Design for Disassembly

sondern:

Design for Residual Value

Die Frage lautet dann nicht mehr nur:

Wie bekomme ich ein Produkt wieder auseinander?

Sondern:

Wie viel Wert bleibt nach dem Auseinanderbauen tatsächlich erhalten?


Ein neuer Designparameter

Industrial Design arbeitet heute mit vielen gleichzeitig konkurrierenden Anforderungen:

  • Funktion
  • Ergonomie
  • Fertigung
  • Kosten
  • Gewicht
  • Wartung
  • Sicherheit
  • Markenidentität

BORROWED MATTER würde einen weiteren Parameter hinzufügen:

zukünftiger Materialwert.

Plötzlich müsste bei jeder konstruktiven oder gestalterischen Entscheidung mitgedacht werden:

  • Kann dieses Material später sortenrein zurückgewonnen werden?
  • Wird seine Qualität durch Beschichtung oder Verbindung verschlechtert?
  • Lässt sich ein Bauteil direkt wiederverwenden?
  • Muss es eingeschmolzen werden?
  • Ist die Geometrie für eine zweite Nutzung geeignet?
  • Wie aufwendig ist die Demontage?

Materialeffizienz würde damit nicht nur bedeuten, möglichst wenig Material einzusetzen.

Es würde auch bedeuten, möglichst wenig Materialwert zu zerstören.


Vielleicht brauchen Materialien eine Biografie

Heute haben Produkte Seriennummern.

Maschinen besitzen Servicehistorien.

Fahrzeuge haben Fahrgestellnummern.

Aber das Material selbst verschwindet meist anonym im Produkt.

Warum eigentlich?

Vielleicht braucht hochwertiges Material künftig eine eigene Identität.

Nicht als romantische Geschichte, sondern als überprüfbare technische Biografie.

Ein digitaler Materialpass könnte beispielsweise zeigen:

Materialalter: 71 Jahre
Produktleben: 3
Werkstoff: Edelstahl
Qualitätsstatus: 94 %
Potenzial für nächste Nutzung: hoch

Und daneben:

2032 – Maschinengehäuse
2054 – Robotikstruktur
2071 – Gebäudekomponente

Das Produkt verändert sich.

Das Material bleibt.


Drei Leben eines Werkstoffs

Stellen wir uns einen hochwertigen Stahl vor.

Im Jahr 2032 wird daraus die tragende Struktur einer Produktionsmaschine.

Nach 22 Jahren wird diese Maschine ausgemustert.

Der Stahl wird nicht verschrottet, sondern demontiert, geprüft und erneut eingesetzt.

2054 wird daraus das Chassis eines autonomen Robotiksystems.

Weitere Jahre später endet auch dieses Produktleben.

Der Werkstoff wird erneut geprüft.

2071 wird er Bestandteil einer Gebäudestruktur.

Aus Sicht des Produkts sind drei völlig unterschiedliche Dinge entstanden.

Aus Sicht des Materials ist es eine kontinuierliche Biografie.

This material has been working for 71 years.

Diese Perspektive verändert unseren Blick.


Das Produkt als temporärer Zustand

Vielleicht ist das die eigentliche Idee hinter BORROWED MATTER:

Ein Produkt ist kein endgültiger Zustand von Material.

Es ist nur eine temporäre Konfiguration.

Stahl ist für einige Jahre Maschine.

Dann vielleicht Robotikstruktur.

Später Architektur.

Das Produkt wird vergänglich.

Das Material nicht.

Damit verändert sich auch die Rolle des Designers.

Wir gestalten nicht mehr nur:

Was wird aus diesem Material jetzt?

Sondern auch:

Was darf danach noch daraus werden?


Material als Vermögenswert

Interessant wird die Idee auch wirtschaftlich.

Wenn hochwertige Materialien über mehrere Produktleben hinweg Wert behalten, könnten neue Geschäftsmodelle entstehen.

Ein Hersteller könnte Material nicht mehr vollständig verkaufen, sondern nur dessen Nutzung ermöglichen.

Ein Materialpool könnte Eigentümer bestimmter Werkstoffe bleiben.

Maschinen könnten aus zwei getrennten Werten bestehen:

Product Value
und
Material Asset Value

Der Kunde kauft die Funktion der Maschine.

Der Materialwert bleibt separat nachvollziehbar.

Am Ende der Nutzung wird nicht nur die Maschine bewertet, sondern auch der Wert ihrer Werkstoffe.

Das könnte wirtschaftliche Anreize verändern.

Heute kann eine billige, schlecht trennbare Verbindung kurzfristig attraktiv sein.

In einem System, in dem Materialwert erhalten werden soll, könnte dieselbe Entscheidung langfristig teuer werden.


Ownership neu gedacht

Damit stellt BORROWED MATTER eine noch grundlegendere Frage.

Wenn das Material eines Produkts über viele Jahrzehnte und mehrere Anwendungen hinweg weiter genutzt werden kann:

Wem gehört es eigentlich?

Dem Hersteller?

Dem Betreiber?

Einem Materialpool?

Dem nächsten Nutzer?

Oder gehört es im Grunde niemandem dauerhaft, sondern wird nur über Generationen weitergegeben?

Diese Frage klingt philosophisch.

Sie ist aber auch wirtschaftlich.

Denn Eigentum bestimmt Verantwortung.

Wenn ich weiß, dass ich ein Material nach 20 Jahren zurückbekomme, habe ich ein Interesse daran, dass es seinen Wert behält.

Wenn ich weiß, dass mein Produkt nur eine Zwischenstation im Leben eines Werkstoffs ist, gestalte ich vielleicht anders.


Eine andere Vorstellung von Nachhaltigkeit

BORROWED MATTER soll keine weitere Nachhaltigkeitskampagne sein.

Keine grünen Pfeile.

Keine Blätter.

Keine Behauptung, dass jedes Produkt vollständig kreislauffähig sein kann.

Die Studie stellt vielmehr eine andere Frage:

Was passiert, wenn wir Material nicht mehr aus Sicht des Produkts betrachten?

Heute endet unser Denken häufig mit dem Produktlebenszyklus.

Vielleicht müsste der Betrachtungszeitraum viel länger sein.

Ein Produkt lebt zehn, zwanzig oder dreißig Jahre.

Ein hochwertiger Werkstoff möglicherweise Jahrhunderte.

Warum sollte dann ausgerechnet das Produkt definieren, wann seine Geschichte endet?


Konsequenzen für Industrial Design

Wenn man diesen Gedanken konsequent weiterdenkt, verändert sich die Rolle des Industrial Designers.

Wir gestalten dann nicht nur:

  • Form
  • Funktion
  • Nutzung
  • Ergonomie
  • Marke

sondern auch:

  • Demontage
  • Materialerhalt
  • Übergänge zwischen Produktleben
  • zukünftige Wiederverwendung
  • materielle Wertbeständigkeit

Industrial Design würde damit stärker zu einer Disziplin, die Zeit gestaltet.

Nicht nur die nächsten fünf Jahre.

Sondern vielleicht die nächsten fünfzig.


BORROWED MATTER als Design Vision

BORROWED MATTER ist zunächst ein Gedankenexperiment.

Nicht jede Maschine wird künftig ihr Material ausleihen.

Nicht jeder Werkstoff eignet sich für mehrere direkte Nutzungszyklen.

Und nicht jede Verbindung kann vollständig reversibel gestaltet werden.

Darum geht es auch nicht.

Design Vision Studies sollen keine fertigen Lösungen liefern.

Sie sollen bestehende Annahmen sichtbar machen.

In diesem Fall lautet diese Annahme:

Ein Produkt besitzt sein Material.

Vielleicht stimmt das technisch.

Vielleicht stimmt es wirtschaftlich.

Aber vielleicht ist es gestalterisch sinnvoll, so zu tun, als wäre es nicht so.

Denn plötzlich entstehen neue Fragen.

Welche Materialien sind langfristig wertvoll?

Wie sichtbar sollte Materialgeschichte sein?

Wie verändert sich Gestaltung, wenn Demontage genauso wichtig wird wie Montage?

Was passiert mit Markenidentität, wenn Materialien durch viele Produktgenerationen wandern?

Und welche Branchen wären die ersten, in denen Material tatsächlich als dauerhaftes Vermögen betrachtet werden könnte?


Die eigentliche Frage

Design beginnt für mich nicht erst dort, wo wir überlegen, wie ein Produkt aussehen soll.

Es kann viel früher beginnen.

Bei den Annahmen, auf denen ein Produkt überhaupt beruht.

BORROWED MATTER verändert nur eine davon:

Material wird nicht verbraucht.

Es wird genutzt.

Vielleicht für zehn Jahre.

Vielleicht für fünfzig.

Vielleicht für hundert.

Und am Ende bleibt eine Frage:

Wenn ein Material uns viele Generationen überleben kann – gehört es uns dann überhaupt?

BORROWED MATTER
A pr-ide Design Vision Study